Repetitorium zum Baurecht – Fall 2: Baunachbarrecht – Lösung Teil 4

c) materielle Rechtswidrigkeit
Die Baugenehmigung ist materiell rechtswidrig, wenn die Genehmigungsvoraussetzungen des § 75 BauO nw nicht vorliegen. Es kommt also allein darauf an, ob dem Vorhaben des A öffentlich-rechtliche Vorschriften entgegenstehen.

aa) Bauplanungsrecht
Zunächst muss das Vorhaben des A mit den bauplanungsrechtlichen Vorgaben übereinstimmen. Für die Beurteilung der bauplanungsrechtliche Zulässigkeit kommt es insbesondere darauf an, ob für das betreffende Baugebiet ein Bebauungsplan vorhanden ist und sich die planungsrechtliche Zulässigkeit damit nach
§ 30 BauGB richtet oder ob es sich um unbeplanten Bereich handelt, in dem Vorhaben nur nach Maßgabe der §§ 34, 35 BauGB zulässig sind.
Im vorliegenden Fall besteht für das Baugebiet ein wirksamer Bebauungsplan erlassen worden. Dennoch beurteilt es sich bauplanungsrechtliche Zulässigkeit nur dann nach § 30 I BauGB, wenn es sich hierbei um einen sog. qualifizierten Bebauungsplan handelt. Anderenfalls bestimmt § 30 III BauGB, dass sich die Zulässigkeit trotz Vorliegens eines wirksamen Bebauungsplans nach §§ 34, 35 BauGB richtet.

Qualifizierter Bebauungsplan
Ein qualifizierter Bebauungsplan ist gem. § 30 I BauGB ein solcher der mindestens Festsetzungen über

  • Art der baulichen Nutzung (z.B. Qualifizierung des Gebiets nach BauNVO)
  • Maß der baulichen Nutzung (z.B. Grundflächen und Geschossflächenzahl)
  • überbaubaren Grundstücksflächen (z.B. Baulinien und Baugrenzen) örtliche Verkehrsflächen (z.B. Straßen und Gehwege) enthält.

Entspricht der Bebauungsplan diesen Anforderungen nicht, liegt nur ein einfacher Bebauungsplan vor.

Hier enthält der Bebauungsplan durch die Festlegung eines „Allgemeinen Wohngebietes“ Bestimmungen zur Art der baulichen Nutzung, durch die Festlegung von Grund und Geschossflächen auch Bestimmungen zum Maß der baulichen Nutzung sowie durch die Festlegung von Baugrenzen ebenfalls Festsetzungen zur überbaubaren Grundstücksfläche, so dass ein qualifizierter Bebauungsplan vorliegt und sich die Zulässigkeit nach § 30 I BauGB beurteilt.

(1) Zulässigkeit nach § 30 BauGB
Nach § 30 BauGB ist im Geltungsbereich eines Bebauungsplanes ein Vorhaben zulässig, wenn es den Festsetzungen des Bebauungsplanes entspricht und die Erschließung gesichert ist.

Festsetzungen im Bebauungsplan

Wenn die Gemeinde einen Bebauungsplan erlässt, können dort die Festsetzungen getroffen werden, die § 9 BauGB vorsieht. Andere Festsetzungen sind im Allgemeinen nicht möglich, wenn nicht das Gesetz etwas anderes vorsieht. Dies ist z.B. beim Vorhaben- und Erschließungsplan der Fall, vgl. § 12 III 1 1.Hs. BauGB.

Sicherung der Erschließung, vgl. §§ 123 ff. BauGB

  • 30 BauGB setzt voraus, dass die Erschließung des zu bebauenden Grundstücks gesichert ist (sog. grundstücksbezogener Erschließungsbegriff). Hierzu gehört zumindest
  • der Anschluss an das öffentliche Verkehrsnetz
  • Versorgung mit Energie
  • Versorgung mit Wasser
  • Entsorgung der Abwässer.

Vgl. BVerwGE 64, 186

Gesichert ist die Erschließung, sobald nach den objektiven Kriterien nach aller Erfahrung damit gerechnet werden kann, dass die Erschließungsanlagen spätestens bis zur Fertigstellung der baulichen Anlage zur Verfügung stehen.

Vgl. BVerwG, DVBL. 1977, 41 [43]; DVBl. 1986, 685

Da es hier um ein bereits seit langem vorhandenes Baugebiet und nur um einen Anbau an ein bestehendes Bauwerk zum Zwecke der flächenmäßigen Erweiterung geht, kann ohne weiteres davon ausgegangen werden, dass die Erschließung gesichert ist. Fraglich ist allein, ob das Vorhaben des A mit den Festsetzungen des Bebauungsplanes übereinstimmt.

Festsetzungen über die Art der Nutzung
Der Bebauungsplan sieht für das betreffende Baugebiet ein
„Allgemeines Wohngebiet“ vor. Fraglich ist, ob der von A beantragte Anbau in einem solchen Gebiet zulässig ist. Diese Frage ist in der BauNVO geregelt.
Ein Allgemeines Wohngebiet ist nach § 4 BauNVO ein Gebiet, dass überwiegend dem Wohnen dient und in dem neben Wohngebäuden auch Gewerbe des täglichen Bedarfs und Anlagen für kulturelle und sonstige Zwecke zulässig sind. Hierunter fällt der Betrieb des A keinesfalls. Allerdings sieht § 13 BauNVO vor, dass auch in Allgemeinen Wohngebieten Räume für freiberuflich Tätige zulässig sind. Hierzu gehören auch Architekten.
Hierbei gilt der Grundsatz, dass die Räume für die Ausübung der freiberuflichen Tätigkeit grundsätzlich insgesamt nicht größer sein dürfen, als die Wohnung. Dies hat das BVerwG (vgl. NJW 1986, 1004) als „Faustformel“ aufgestellt. Allerdings ergibt sich dies nicht aus dem Gesetz, ist daher nicht „rechtssatzartig“ anzuwenden, sondern hat eine – im konkreten Fall widerlegbare – indizielle Wirkung (vgl. BVerwG, NVwZ-RR 2001, 229). Im vorliegenden Fall nutzt A einen Teil seines Wohnhauses für den Betrieb seines Architekturbüros, nicht aber das ganze Gebäude.
Die Art der Nutzung ist daher im „Allgemeinen Wohngebiet“ nach §§ 4, 13 BauNVO zulässig.

Maß der baulichen Nutzung
Die Grund- und Geschossflächenzahlen sind bereits vor der Erweiterung ausgenutzt, werden also nun überschritten, so dass auch hiergegen verstoßen wird.

Überbaubare Grundstücksfläche
Der Bebauungsplan sieht für das betreffende Plangebiet Baugrenzen vor. Dies führt gem. § 23 III 1 BauNVO dazu, dass Gebäude grundsätzlich nur innerhalb dieser Baugrenzen zulässig sind. Die Baugrenzen werden hier durch den Anbau an das Haus des A überschritten. Diese Überschreitung ist auch nicht nur geringfügig, so dass auch § 23 III 2 BauNVO nicht zur Zulässigkeit des Bauvorhabens führt.
Eine Zulässigkeit des Bauvorhabens ist nach § 30 BauGB nicht feststellbar.

(2) Zulässigkeit nach § 31 BauGB
Auch bei Abweichung von den bauplanungsrechtlichen Festsetzungen ist eine Zulassung von Bauvorhaben im Rahmen des § 31 BauGB möglich.

Ausnahme und Dispens
Die Ausnahme nach § 31 I BauGB ist bereits im Bebauungsplan vorgesehen. Der Plangeber hat bei der Aufstellung des Bebauungsplanes bereits erkannt, dass es zu typischen Sondersituationen kommen kann und für diese Sondersituationen geregelt, dass eine Abweichung von den Festsetzungen des Bebauungsplanes möglich sein soll.
Der Dispens hingegen stellt eine Befreiung von den Festsetzungen des Bebauungsplanes dar. Es handelt sich um atypische Sondersituationen, die der Plangeber bei der Aufstellung des Bebauungsplanes nicht erkannt hat. Eine solche atypische Sondersituation kann nur angenommen werden, wenn sie sichaus objektiven, grundstücksbezogenen Umständen ergibt. Eine subjektive, bauherrenbezogene Sondersituation spielt hier keine Rolle. Vgl. BVerwGE 56; 71; 40, 268; Brohm, Öffentl. BauR, § 19, Rn 6

Ausnahmen im Bebauungsplan, § 31 I BauGB
Zunächst können gem. §§ 16 VI, 23 III 3 BauNVO im Bebauungsplan auch Ausnahmen von den Festlegungen über das Maß der baulichen Nutzung und die überbaubaren Grundstücksflächen vorgesehen werden, so dass nach § 31 I BauGB dennoch eine bauplanungsrechtliche Zulässigkeit angenommen werden könnte.
Der Bebauungsplan der Gemeinde G sieht allerdings für die Festsetzung keine Ausnahmen vor. Zwar werden nach § 1 III 2 BauNVO auch bei nicht ausdrücklicher Festsetzung die Ausnahmen, die in der BauNVO für die einzelnen Baugebiete vorgesehen sind, Bestandteil des Bebauungsplanes, dies gilt jedoch nur für die Ausnahmen der §§ 2-14 BauNVO, nicht jedoch für die hier maßgeblichen Festsetzungen zur überbaubaren Grundstücksfläche.

Befreiungen von den Festsetzungen (sog. Dispens) nach § 31 II BauGB
Auch wenn der Bebauungsplan ausdrücklich keine Ausnahmen von den Festsetzungen vorsieht, ist nach § 31 II BauGB dennoch unter bestimmten Voraussetzungen die planungsrechtliche Zulassung möglich, wenn die Grundzüge der Planung nicht berührt werden und die Abweichung auch unter Würdigung nachbarlicher Interessen mit den öffentlichen Belangen vereinbar ist.
Ein solcher Dispens ist nach § 31 II Nr.1 BauGB möglich, wenn Gründe des Wohls der Allgemeinheit die Befreiung erfordern. Dafür genügt es, dass zur Wahrnehmung des jeweiligen öffentlichen Interesses (soziale, kulturelle, sportliche, Verkehrs- oder Versorgungseinrichtungen) die Befreiung vernünftigerweise geboten ist (BVerwGE 56, 71). Ein solcher Zusammenhang kommt hier ersichtlich nicht in Betracht.
Darüber hinaus ist eine Befreiung nach § 31 II Nr. 2 BauGB möglich, wenn die Abweichung städtebaulich vertretbar ist.
Vertretbar ist eine Abweichung schon dann, wenn sie sich als ein nach § 1 V, VI BauGB zulässiger Inhalt eines Bebauungsplans darstellt (BVerwG, DVBl. 1990, 572). Hier hätte die Gemeinde G auch zulässiger Weise andere Baugrenzen vorsehen können, so dass eine städtebauliche Vertretbarkeit anzunehmen ist. Allerdings würde die Abweichung den Grundzügen der Planung widersprechen, weil es der Gemeinde bei der Festlegung der rückwärtigen Baugrenzen gerade auf die Schaffung begrünte Gartenzonen in den rückwärtigen Grundstücksbereichen, die auch der Wohnruhe dienen sollen (VGH BadW, VBlBW 93, 351), ankam. Ein Dispens nach § 31 II Nr. 2 BauGB ist daher nicht möglich.
Schließlich ist eine Befreiung nach § 31 II Nr. 3 BauGB möglich, wenn die Durchführung des Bebauungsplanes zu einer offenbar nicht beabsichtigten Härte führen würde. Allerdings kommt es hier aufgrund der Grundstücksbezogenheit des Baurechts nur darauf an, ob die Bauplanung für das Grundstück in seinen spezifischen Eigenheiten eine unbeabsichtigte Härte darstellen würde. Auf Härteaspekte in der Person des Grundstückseigentümers kommt es nicht an.
Bei Durchführung des Bebauungsplanes kann A die geplante Erweiterung nicht vornehmen und daher seinen Betrieb nicht erweitern. Dies kann zwar grundsätzlich als Härte angesehen werden. Allerdings folgte diese vermeintliche Härte nicht aus dem besonderen Zuschnitt oder der besonderen Lage des Grundstücks, sondern allenfalls aus den persönlichen Verhältnissen des A. Dies spielt jedoch für die Härtefallregelung des § 31 II Nr. 3 BauGB keine Rolle.
Die Voraussetzungen für einen Dispens liegen damit nicht vor, so dass eine planungsrechtliche Zulassung des Bauvorhabens des A nicht möglich ist, weil gegen öffentlich-rechtliche Vorschriften des Bauplanungsrechts verstoßen wird.

(bb)Die erteilte Baugenehmigung ist damit offensichtlich rechtswidrig.

2. Rechtsverletzung
Eine Rechtsverletzung des R kommt jedoch nur in Betracht, wenn die offensichtliche Rechtswidrigkeit sich gerade aus der Verletzung nachbarschützender Normen ergibt. Hier wurde gegen die Festlegungen zum Maß der Nutzung und zur überbaubaren Grundstücksfläche, sowie gegen die Voraussetzungen für einen Dispens verstoßen. Nach den obigen Darstellungen sind jedoch die Festsetzungen zum Maß der Nutzung nicht nachbarschützend, so dass eine Rechtsverletzung des R wegen dieses Fehlers nicht in Betracht kommt. Allerdings ist er durch einen Verstoß gegen die Baugrenzenfestlegung und § 31 II BauGB in seinen Rechten verletzt.
Zwischenergebnis: Es bestehen Erfolgsaussichten in der Hauptsache.

B. Interessenabwägung
Da die dem A erteilte Baugenehmigung bereits nach summarischer Prüfung rechtswidrig ist, bestehen keine schützenswerte Interessen des A an der Aufrechterhaltung der sofortigen Vollziehbarkeit. Demgegenüber überwiegen die Interessen des R, dass A nicht durch die Ausnutzung der rechtswidrigen Baugenehmigung Tatsachen schafft, die später nur schwer wieder zu beseitigen sind.
Ergebnis: Der Antrag ist begründet und wird Erfolg haben.

Ergänzungsfrage:
Auch der Pächter ist nur antragsbefugt, wenn er die Verletzung eigener subjektivöffentlicher Rechte rügen kann.
Nachbarschutz aus den Vorschriften des öffentlichen Baurechts kann aber grundsätzlich nur der jeweilige Eigentümer eines benachbarten Grundstückes in Anspruch nehmen (BVerwG NVwZ 89, 1163). R ist jedoch nur Mieter und nicht Eigentümer, so dass fraglich ist, ob er Nachbar i.S. des öffentlich-rechtlichen Nachbarschutzes ist.
Hintergrund dieser Beschränkung der Klagebefugnis ist, dass der baurechtliche Nachbarschutz auf dem Gedanken des wechselseitigen Austauschverhältnisses beruht. Weil und soweit der Eigentümer eines Grundstücks in dessen Ausnutzung öffentlich-rechtlichen Beschränkungen unterworfen ist, kann dieser deren Beachtung grundsätzlich auch im Verhältnis zu Grundstücksnachbarn durchsetzen (vgl. OVG Berlin NVwZ 86, 848).
Dem Eigentümer gleichzustellen ist, wer in eigentumsähnlicher Weise an einem Grundstück dinglich berechtigt ist, wie etwa der Inhaber eines Erbbaurechts oder der Nießbraucher oder Käufer eines Grundstücks, auf den der Besitz sowie Nutzungen und Lasten übergegangen sind und zu dessen Gunsten eine Auflassungsvormerkung in das Grundbuch eingetragen ist (BVerwG NVwZ 89, 1163).
Wer dagegen lediglich ein obligatorisches Recht an einem Grundstück von dessen Eigentümer ableitet, hat nach ständiger, auch höchstrichterlicher Rechtsprechung keine eigene schutzwürdige Rechtsposition gegen die einem Dritten erteilte Baugenehmigung oder gegen einen Planfeststellungsbeschluss grundsätzlich kein öffentlich-rechtliches Abwehrrecht, sondern ist darauf beschränkt, seine Rechtsposition gegenüber dem Eigentümer geltend zu machen, dem seinerseits öffentlich-rechtliche Abwehrrechte zustehen (vgl. für den Fall zivilrechtlicher Nutzungsbefugnisse (OVG NW, NwVBl 98, 22; BVerwG NJW 89, 2766; Ziekow, NVwZ 89, 231; Löhr, § 31 Rn 94).

R ist daher nicht antragsbefugt.

Anmerkung: Das gleiche gilt für den Bauherrn eines Hauses auf einem Grundstück, an dem er nicht dinglich berechtigt ist.

Anders aber im Normenkontrollverfahren. Hier ist auch der Pächter als obligatorisch Berechtigter antragsbefugt, soweit eine seiner Pacht widersprechende Nutzungsart festgelegt wird (vgl. BVerwG, NVwZ 00, 806).

Hier gibt es diesen Teil der Falllösung komplett als pdf-Datei:

Fall 2 – Immer Ärger mit den Nachbarn – Teil 4

Fortsetzung am 23.11.2015