Telearbeitsplatz als häusliches Arbeitszimmer

Grds. kann auch ein Telearbeitsplatz, d. h. ein Raum, in dem ein Steuerpflichtiger zu Hause einen Arbeitsplatz unterhält, dem Typus des häuslichen Arbeitszimmers entsprechen.

BFH in NJW 2014, 2142; Urteil vom 26.02.2014 – VI R 40/12

Examensrelevanz: §§§ – Die Frage, unter welchen Voraussetzungen vom Vorliegen eines häuslichen Arbeitszimmers auszugehen ist, ist ein Klassiker und wird daher immer wieder gerne im Examen in der Wahlfachgruppe Steuerrecht geprüft.

Relevante Rechtsnormen: §§ 9 V, 4 V 1 Nr. 6 EStG

Fall: Die Kl. sind zusammen zur Einkommensteuer veranlagte Eheleute. Der Kl. war im Streitjahr als Oberregierungsrat beim X.-Amt in W. nichtselbstständig beschäftigt. Als Werbungskosten machte er neben Aufwendungen für Fahrten zwischen der Wohnung und der Arbeitsstätte Kosten für ein Arbeitszimmer i. H. von 509 Euro (11 % der Hausfläche) gel-tend. Er legte dazu eine „Einvernehmliche Anordnung“ zwischen ihm und seinem Dienstherrn über die Einrichtung eines Telearbeitsplatzes vor. Danach verpflichtete sich der Kl., in seiner Wohnung einen geeigneten Arbeitsbereich zur Verfügung zu stellen und Beauftragten seines Dienstherrn nach Ankündigung den Zutritt zu gestatten. Von der regelmäßigen wöchentlichen Arbeitszeit sollten 24 Stunden (Dienstag, Mittwoch und Donnerstag) in der Dienststelle, die restliche Arbeitszeit zu Hause abgeleistet werden. Der Telearbeitsplatz sollte vom Dienstherrn in Absprache mit dem Kl. eingerichtet und vom Dienstherrn mit Arbeitsmitteln ausgestattet werden; eine Kostenerstattung für Raumnut-zung, Energie und Mobiliar war nicht vorgesehen. Auf Anfrage des Kl. versagte der Arbeitgeber eine Bestätigung des Inhalts, dass dem Kl. sein Büro an den Heimarbeitstagen nicht zur Verfügung stehe. Eine solche Vereinbarung für Telearbeiter, die eine solche Bestätigung rechtfertige, gebe es nicht. Der Bekl. (das Finanzamt) berücksichtigte die Aufwendungen für das Arbeitszimmer nicht.

I. Der im Gesetz nicht näher bestimmte Begriff des häuslichen Arbeitszimmers erfasst nach der mittlerweile st. Rspr. des BFH das häusliche Büro, d. h. einen Arbeitsraum, der seiner Lage, Funktion und Ausstattung nach in die häusliche Sphäre des Steuerpflichtigen eingebunden ist und vorwiegend der Erledigung gedanklicher, schriftlicher oder verwaltungstechnischer Arbeiten dient (st. Rspr., vgl. BFHE 236, 92 = BStBl. II 2012, 236 = NJW 2012, 703 = NZA-RR 2012, 143 m. w. Nachw.). Der Nutzung entsprechend ist das häusliche Arbeitszimmer typischerweise mit Büromöbeln eingerichtet, wobei der Schreibtisch regelmäßig das zentrale Möbelstück darstellt (BFHE 201, 27 = BStBl. II 2003, 185 = NJW 2003, 693; BFHE 205, 46 = BStBl. II 2005, 203 = DSt-RE 2004, 676 = NJW 2004, 2264).
Anderes gilt für Räumlichkeiten, die ihrer Ausstattung und Funktion nach nicht einem Büro entsprechen. Solche Räume sind nicht dem Typus des häuslichen Arbeitszimmers zuzuordnen. Dies gilt auch dann, wenn sie nach ihrer Lage mit dem Wohnraum des Steuerpflichtigen verbunden und deswegen in dessen häusliche Sphäre eingebunden sind.
Von der Rspr. dazu bisher entschiedene Fälle betrafen Lager, Werkstätten, Arztpraxen oder Ausstellungsräume (BFH BFH/NV 2003, 1163; BFHE 200, 336 = NJW 2003, 604; BFHE 205, 46 = DStRE 2004, 676 = NJW 2004, 2264; BFHE 201, 166 = DStR 2003, 589 = NJW 2003, 2936; BFH BFH/NV 2003, 1560 = BeckRS 2003, 25002419; BFHE 201, 27 = NJW 2003, 693; BFHE 204, 176 = DStR 2004, 415 = NJW 2004, 1268).

Im Einzelfall ist das häusliche Arbeitszimmer von anderen beruflich oder betrieblich genutzten Zimmern im häuslichen Bereich auf Grund einer Gesamtwürdigung der Umstände des Einzelfalls abzugrenzen (BFHE 201, 27 = NJW 2003, 693). Ist eine Zuordnung zum Typus des häuslichen Arbeitszimmers nicht möglich, so sind die durch die berufliche Nutzung veranlassten Aufwendungen grds. unbeschränkt als Werbungskosten gem. § 9 I 1 EStG abziehbar, sofern die betreffenden Räumlichkeiten nahezu ausschließlich beruflich genutzt werden (BFHE 205, 46 = DStRE 2004, 676 = NJW 2004, 2264; BFHE 216, 110 = BStBl. II 2007, 304 = NZM 2007, 457).

II. Im hier vorliegenden Streitfall ist indes in Anbetracht der Vereinbarungen im Hinblick auf die Einrichtung des Telearbeitsplatzes kein häusliches Arbeitszimmer vorhanden.
„Denn der Raum wird vom Kl. i. S. der vorgenannten Rechtsgrundsätze büromäßig genutzt und dient der Erledigung gedanklicher, schriftlicher und verwaltungstechnischer Arbeiten. Der als Arbeitszimmer genutzte Raum zu Hause weist auch ansonsten keine Besonderheiten auf, die den Raum nicht als typisches häusliches Arbeitszimmer erscheinen ließen. Auch mit Blick auf den Arbeitsplatz in der Dienststelle folgt nichts anderes. Denn nach den Feststellungen war es dem Kl. weder untersagt, seinen Arbeitsplatz dort auch an den eigentlichen häuslichen Arbeitstagen zu nutzen, noch war der in der Dienststelle zur Verfügung gestellte Arbeitsplatz hinsichtlich der Nutzung eingeschränkt. Dementsprechend war der Arbeitgeber nach den Feststellungen des FG auch nicht bereit, für steuerliche Zwecke eine Bestätigung darüber zu erteilen, dass der Kl. an seinen Telearbeitstagen kein Büro zur Verfügung habe.“ (BFH aaO)

III. Ein Werbungskostenabzug lässt sich vorliegend auch nicht unmittelbar auf § 9 V i. V. mit § 4 V 1 Nr. 6 b S. 2, 3 EStG mit der Annahme stützen, dass dem Kl. ein anderer Arbeitsplatz i. S. dieser Vorschrift nicht zur Verfügung gestanden habe.
„Denn ein solcher „anderer Arbeitsplatz“ ist grds. jeder Arbeitsplatz, sofern er zur Erledigung büromäßiger Arbeiten geeignet ist (vgl. BFHE 203, 130 = BStBl. II 2004, 78 = NJW 2003, 3798). Dazu muss dieser andere Arbeitsplatz allerdings so beschaffen sein, dass der Steuerpflichtige auf das häusliche Arbeitszimmer nicht angewiesen ist. Deshalb steht der andere Arbeitsplatz nur dann „für die betriebliche oder berufliche Tätigkeit … zur Verfügung“, wenn ihn der Steuerpflichtige in dem konkret erforderlichen Umfang und in der konkret erforderlichen Art und Weise tatsächlich nutzen kann (vgl. BFHE 203, 130 = BStBl. II 2004, 78 = NJW 2003, 3798).
Daran gemessen tragen die Dienstvereinbarungen über die Einrichtung des Telearbeitsplatzes weder nach ihrem unmittelbaren Wortlaut noch nach ihrem Sinn und Zweck die Annahme, dass dem Kl. am Dienstsitz kein anderer Arbeitsplatz im vorgenannten Sinne zur Verfügung gestanden habe. Denn dieser Annahme stehen die Feststellungen entgegen, dass es dem Kl. nicht untersagt war, seinen dienstlichen Arbeitsplatz auch an den häuslichen Arbeitstagen weiterhin zu nutzen, dass der dienstliche Arbeitsplatz hinsichtlich dessen Nutzung nicht eingeschränkt war und der Arbeitgeber Gegenteiliges auch nicht bestätigen konnte.“ (BFH aaO)

Veröffentlicht im Praktikerreport (PR) August 2014